Presse  Winnender Zeitung, 17.10.2011: So macht Blasmusik Spaß Musikverein Schwaikheim begeistert bei seinem Herbstkonzert Der Musikverein Schwaikheim bei seinem Herbstkonzert. Bild: Schneider Schwaikheim. Traditionen, selbst in der Blasmusik, sind dazu da, sie zu pflegen - und sie zu brechen. Wenn dies so liebevoll und unterhaltsam geschieht wie beim Herbstkonzert des Musikvereins Schwaikheim unter seinem jungen Dirigenten Ralf Matthews, dann profitieren alle davon, Traditionalisten und Rebellen, Alte und Junge, Musiker und Publikum.   Alles wie immer beim Schwaikheimer Musikverein? Nur beim ersten Blick auf eine mit Kürbis-Deko geschmückte Gemeindehallen-Bühne, wo Musiker in blauen Uniform-Jacketts die Instrumente einer guten, alten Blaskapelle in den Händen halten. Aber schon beim zweiten Blick wird’s spannender. Ganz hinten, fast zentral postiert, ein junger Schlagzeuger, als wäre er das Herzstück dieses Orchesters, und um ihn herum so viele junge Gesichter wie in kaum einem anderen Musikverein der Umgebung. Und dann liegen auf den Stühlen keine Programme aus, sondern Stimmzettel mit acht Stücken zur Auswahl, von denen drei zu nominieren sind. Neben Polkas und Marsch auch viel Pop sowie ein Tenorsax-Solo, also Jazz. Na ja, denkt mancher, da werden sich die Leute eben Polkas wünschen, und Ralf Matthews, der junge Dirigent, wird sie nachher so schmissig spielen lassen, wie dies seiner Art bei bisherigen Auftritten entsprach. Und diese Erwartung wird auch nicht enttäuscht. Wenn der Musikverein Polkas und Märsche spielt, dann tut er’s mit prasselnden Pauken und triumphierenden Trompeten. Mit einem Dirigenten, der bei permanenter Körperbewegung zu fliegen, zu schweben, abzuheben scheint. Aber dies passiert so nur anfangs im Einzugsmarsch aus dem Zigeunerbaron, zu Beginn des zweiten Teils im säbelrasselnden Konzertmarsch „Hoch Heidecksburg“ und zur Zugabe, als sich das Orchester mit zwei traditionellen Stücken vom Stimmzettel verabschiedet. Oder allenfalls noch, als es in „Radetzkymarsch forever“ das wohl typischste Blasmusik-Thema überhaupt, mit verschmitztem Zitieren etwa von „Unter dem Sternenbanner“ verfremdet und so ein Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer zaubert, auch der älteren, traditionsbewussten. „Fluch der Karibik“ und Michael Jackson Ansonsten: Popnummern, Swing. Und Fantasie. Die Stücke im ersten Teil sagt Matthews nicht an, sondern beschreibt sie in launiger Moderation. Man hört Filmmusik von Hans Zimmer („Pearl Harbor“, „Gladiator“) oder aus „Fluch der Karibik“. Und dann das Michael- Jackson-Medley, mit groovendem Grunzen der Tubas und recht eigenwillig. Aber gut gespielt. Orchester klingt wie eine Dampflok Sein Lieblingsstück kündigt Matthews im zweiten Teil an, Billy Strayhorns von Duke Ellington unsterblich gemachtes „Take the A-Train“. Das Orchester klingt tatsächlich wie eine Dampflok, die langsam ins Fahren und ins Swingen kommt. Ebenso gekonnt wie in orchestralen Stücken von hohem Schwierigkeitsgrad, die in puncto Intonation immer zumindest passabel und in der Dynamik meist richtig gut klingen. Nur einmal, nachdem einem Gast im Publikum schlecht wurde und das Konzert für einen Moment stoppt, schwächelt der Musikverein: im vom Publikum gewünschten „Ich war noch niemals in New York“. Da versagt Matthews Richtmikro, er geht ans Rednerpult und singt den Song von dort, fehlt aber wohl den Musikern als Taktgeber, weil die nicht im Rhythmus sind. Applaus, ja Jubel gibt’s trotzdem, weil alle spüren, wie viel Spaß es den Musikern mit diesem Dirigenten macht. Vor einem Publikum mit höherem Altersdurchschnitt, das sich im Wunschkonzert aber nicht für Marsch und Polkas entscheidet, sondern Sinatra, Maffay und Udo hören will. Und das vom Dirigenten-Jungspund die Polkas freiwillig als Zugabe kriegt. So macht Blasmusik-Tradition Spaß. © Frederik Horn 2011 Impressum | Kontakt